"Ich kann es wirklich nicht verstehen, warum Du Dich für Gewaltverzicht an unserer Schule so sehr einsetzt." - "Ich kann es vielmehr nicht verstehen, wie man sich nicht dafür einsetzen kann."***

Monat: April 2021

Es muss nicht gleich Rechtsextremismus sein

Liebe Schüler:innen, Eltern, Lehrer:innen und Interessierte,

es muss nicht gleich eine rechtsextremistische Unterwanderung einer Freien (Waldorf) Schule sein. Dennoch erscheint der sehr nachdenklich stimmende sachliche Beitrag des WDR zum Thema sehenswert: „Wenn Rechtsextremisten freie Schulen unterwandern“.

In diesem Filmbeitrag berichten Menschen über Erfahrungen, die nicht wenige Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen an unserer Waldorfschule in Weimar machen oder gemacht haben. Selbst wenn man ein Mitschwingen von rechtsextremen, völkischen, rassistischen und homophoben Wellen nicht gleich zu sehen vermag, sind es antidemokratisch-sektirerische Ansätze und auch diese begleitende autokratisch-paternalistische Machtstrukturen, die sich über konkrete Akteur:innen in den vergangenen Jahren eingeschlichen und verfestigt haben. Ansätze zu denen man über eine speziellen, eng am Wortlaut geführte und den historischen Kontext ausblendende  – „reaktionäre“ – Rezeption Rudolf Steiners, kommt.

Keine Angst, hier folgt jetzt kein Proseminar zu „Grundlagen der ideologischen Interpretationen der Dreigliederung auf dem Gebiet des Schulwesens nach Rudolf Steiner“; wohl aber der Hinweis, dass es unter anderem in Schulpost, Elternbriefen und Schreiben an die Mitglieder des Trägervereins durchweg um einseitige Informationen von Vorstand, Geschäftsführung und einigen intransparent arbeitende Gremien geht, die genau diese Entwicklung belegen.

Deren Arbeits- und Handlungsweisen werden gebetsmühlenhaft auf der Grundlage einer durch „pädagogische Freiheit“ getragenen schulischen Selbstverwaltung legitimiert, die besorgniserregend in der Argumentation und in den Ergebnissen diese reaktionäre Rezeption der vom „freien Geistesleben“ getragenen Schule verkörpert.

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Für Offenheit, Transparenz und Vertrauen

Die Weimarer Waldorfschule ist entstanden, weil es 1990 mutige Menschen und den Willen von Eltern, Lehrer:innen und Unterstützer:innen gab, gemeinsam und frei eine Schule zu gründen und zu gestalten. Dazu wurde ein Verein gegründet, dessen festgeschriebener satzungsmäßiger Zweck auch ist, die Einrichtungen der Schule zu gestalten. Was dies umfasst, scheint 30 Jahre später leider aus dem Blick geraten zu sein.

Wir sehen es als Glück, dass eine Vereinsatzung Mitglieder, die Eltern, Lehrer:innen, Externe sein können, verbindet! Auch wenn der gemeinsame Verein einmal nur als rechtlich notwendiges Vehikel gegründet wurde, ist er heute eine große Chance zu Gemeinsamkeit.

Was jetzt not-wendend ist:

  1. Ein nachhaltiges Gewalt- und Kinderschutzkonzept für unsere Schule, gemeinsam erarbeitet von Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen und die Schaffung einer unabhängigen Vertrauensstelle.
  2. Anerkennung des direkt und indirekt erfahrenen Leids durch physische und psychische Gewalt und Entschuldigung bei den Opfern sowie die umfassende Rehabilitierung der kritischen Eltern, insbesondere durch Rücknahme von Kündigungen, Verleumdungen und Vereinsauschluß.
    Hierbei ist wichtig: diese Entschuldigung ist nur dann wertvoll und wirksam, wenn sie von den Leidtragenden ausdrücklich angenommen werden kann. Verzeihen und/oder Vergessen kann keinesfalls verordnet oder verlangt werden, sondern ist lediglich im individuellen Prozess zwischen Täter:innen und Betroffenen eine Variante des Umgangs.
  3. Transparent und professionell arbeitende Selbstverwaltungsgremien und in der Vereinsstruktur (Satzung) und Schulorganisation (Schulordnung) verankerte und gemeinsam erarbeitete Mitbestimmunsmöglichkeiten für Eltern und Schüler:innen.

Selbstverwaltung der Pädagog:innen ist ein hohes, schätzenswertes Gut und zwar mit dem Ziel, dass Lehrer:innen beste Erziehung abstimmen und selbstbestimmt bei gewahrtem Kindeswohl gestalten können. Aber Selbstverwaltung ist kein Selbstzweck und bedeutet nicht, dass sie völlig ohne das Aussen aus Eltern, Schüler:innen, Verein und Öffentlichkeit geschehen kann. Im Gegenteil, die Selbstverwaltung basiert auf dem tiefen Vertrauen und transparentem Handeln im Auftrag von Eltern und Schüler:innen.

Die Pädagogik, der wir alle vertrauen, hat aus unserer Sicht die Kraft, in Transparenz und in Gemeinsamkeit mit Eltern und Schüler:innen vollzogen zu werden: genau in einem solchen Verhältnis erkennen wir die „freie“ Waldorfschule Weimar.

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