"Ich kann es wirklich nicht verstehen, warum Du Dich für Gewaltverzicht an unserer Schule so sehr einsetzt." - "Ich kann es vielmehr nicht verstehen, wie man sich nicht dafür einsetzen kann."***

Es muss nicht gleich Rechtsextremismus sein

Liebe Schüler:innen, Eltern, Lehrer:innen und Interessierte,

es muss nicht gleich eine rechtsextremistische Unterwanderung einer Freien (Waldorf) Schule sein. Dennoch erscheint der sehr nachdenklich stimmende sachliche Beitrag des WDR zum Thema sehenswert: „Wenn Rechtsextremisten freie Schulen unterwandern“.

In diesem Filmbeitrag berichten Menschen über Erfahrungen, die nicht wenige Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen an unserer Waldorfschule in Weimar machen oder gemacht haben. Selbst wenn man ein Mitschwingen von rechtsextremen, völkischen, rassistischen und homophoben Wellen nicht gleich zu sehen vermag, sind es antidemokratisch-sektirerische Ansätze und auch diese begleitende autokratisch-paternalistische Machtstrukturen, die sich über konkrete Akteur:innen in den vergangenen Jahren eingeschlichen und verfestigt haben. Ansätze zu denen man über eine speziellen, eng am Wortlaut geführte und den historischen Kontext ausblendende  – „reaktionäre“ – Rezeption Rudolf Steiners, kommt.

Keine Angst, hier folgt jetzt kein Proseminar zu „Grundlagen der ideologischen Interpretationen der Dreigliederung auf dem Gebiet des Schulwesens nach Rudolf Steiner“; wohl aber der Hinweis, dass es unter anderem in Schulpost, Elternbriefen und Schreiben an die Mitglieder des Trägervereins durchweg um einseitige Informationen von Vorstand, Geschäftsführung und einigen intransparent arbeitende Gremien geht, die genau diese Entwicklung belegen.

Deren Arbeits- und Handlungsweisen werden gebetsmühlenhaft auf der Grundlage einer durch „pädagogische Freiheit“ getragenen schulischen Selbstverwaltung legitimiert, die besorgniserregend in der Argumentation und in den Ergebnissen diese reaktionäre Rezeption der vom „freien Geistesleben“ getragenen Schule verkörpert.

Was das konkret heißt? 

Einer der Apologeten sagt dies ganz unmissverständlich:

Deshalb möchte Rudolf Steiner das Abstimmen, den Parlamentarismus, jede Form der Demokratie aus der Schulverwaltung ausschließen. Wo nämlich das Geistesleben verknüpft wird mit der Demokratie, da wird der Lehrer zum Vertreter gemacht. Das Ergebnis ist die Lüge, die real gelebte Lüge, und die wirkt dann auch erzieherisch. Dabei ist es ganz dasselbe, ob der Pädagoge nun einem Schulgesetz folgt oder einem Konferenzbeschluss, in jedem Fall erzieht er das Kind zur Unwahrhaftigkeit, wenn in der Begegnung mit dem Kind nicht nur das wirkt, was im freien Urteil des Pädagogen gründet, sondern wenn da eine Macht hinter dem Pädagogen steht, wenn der Pädagoge nur ein Vertreter ist. Das Vertretertum ist die Leugnung des Wesens der Wahrheit, und das bildet dann. Das erzieht dann zur Lüge.

vgl. Kollegiale Selbstverwaltung und Dreigliederung, Johannes Mosmann, Nachbearbeitung eines Vortrags für die jährliche Regionaltagung der Hamburger Waldorferzieher vom 07.02.2015 in der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Altona, S. 15

Um der „real gelebten Lüge“ also zu entkommen, müssen im Sinne der sozialen Dreigliederung die „Grenzen der Wirksamkeit des Staates und der Wirtschaft“ im Verhältnis zum „freien [schulischen] Geistesleben“ bestimmt werden.

Für die „reaktionären Kräfte“ bedeutet dies in der Konsequenz, Steiners Anfang des 20. Jahrhunderts artikulierte Forderung unbedingt umzusetzen, wonach

das Prinzip demokratischer und ökonomischer Entscheidungsprozesse aus dem pädagogischen Arbeitszusammenhang“ auszuschließen ist. Dabei, so Steiner, müsse der einzelne Lehrer „eine freie Form der Zusammenarbeit [mit Eltern und Schülern] entwickeln, und zwar so, dass „die pädagogische Praxis weder demokratischen Beschlüssen, noch ökonomischen Notwendigkeiten folgt“. Was in Bezug auf ein konkretes Kind zu tun sei, müsse an dem Kind selbst erkannt werden, d. h. aber, könne nur durch den Pädagogen definiert werden, und auch nur durch denjenigen, der mit dem Kind wahrnehmend verbunden sei. Alles, was irgendwie dem Prinzip der Gleichheit unterliege und somit verallgemeinere (z. B. Lehrpläne), sei „Gift für die Bildung“.

vgl. Rudolf Steiner, Was ist eine „freie“ Schule“, Hrsg. Johannes Mosmann, 2. Aufl. 2015, S. 9F., Vorwort/Kommentar d. Herausgebers m.w.N.

Was bedeutet das für den Schulalltag?

Die wachsende Dominanz von Lehrer:innen die diesen Ansätzen folgen, hat zwangsläufig das (fortschreitende) Verstummen und Herausdrängen andersdenkender Kolleg:innen und von kritischen Eltern und Schüler:innen zur Folge und gefährdet den Fortbestand bzw. die Verstärkung eines Kollegiums mit jungen und gut qualifizierten Lehrer:innen an der Weimarer Schule. Im täglichen Umgang im Schulbetrieb vermag man zudem vor diesem Hintergrund zu verstehen, warum man sich mit der Organisation interne Mitgestaltungsprozesse so schwer tut.

Etwa warum der Vorstand des Trägervereins aus vorgeschobenen Gründen die Herausgabe von Mitgliederverzeichnissen an seine eigenen Mitglieder verweigert, damit sich Eltern nicht zur gemeinsamen Arbeit „unkontrolliert“ organisieren können. Aber auch, wenn es darum geht, ein Schulleitbild gemeinsam zu erarbeiten oder wenn es um die Frage geht, ob man eine Elternvertretung- und Schüler:innenvertretung oder „nur“ entsprechend „Sprecher:innen“ bestimmt.

Sieht man das Ziel, alles demokratische und staatliche aus der Schule herauszuhalten, versteht man auch, warum Leitung und bestimmte Lehrer:innen eine externe Begleitung selbst im Rahmen des Qualitätsmanagements, aber vor allem im Bereich des Gewalt- und Kinderschutzkonzept ablehnen oder sich gegenüber Behörden auf Partner:innen berufen, die bis heute nicht vertraglich gebunden wurden.

Natürlich gibt es hier auch Interessenkonflikte, die – wie auch hier – von jeden autokratischen System für seinen Erhalt gewinnbringend eingesetzt werden können.

So ist es auf die Mehrheit gesehen nicht zwingend, dass Schüler:innen oder Eltern mit diesem autokratischen, auf die „Alleinerziehungsmacht“ des verständigen, einfühlsamen und allseits gebildeten Pädagogen zentrierten System in Konflikt geraten. Eine schöne Schulzeit für Eltern und Schüler:innen kann es über 13 Jahre zweifelsohne geben.
Das liegt natürlich auch daran, dass von „Führungszirkeln“ abgesehen, die meisten Lehrkräfte und Pädagog:innen an der Waldorfschule in Weimar weder Extremist:innen noch „orthodoxe Steinerapologeten“ sind. Vorwerfbar ist ihnen am Ende nur, dass sie selbst als Mehrheit schweigen. Schweigen, weil eine Minderheit mit einem Netzwerk subtilster Ausnutzung, von Abhängigkeit, Ausgrenzung und Angst die „Schalthebel der Macht“ bedient. Man spürt es erst, wenn man aus unterschiedlichsten Gründen mit dem #SytsemWaldorfWeimar als Schüler:in, Eltern oder Lehrer:in kollidiert. Wenn man es gefährdet, etwa weil man Fragen zu Gewalt von Lehrer:innen gegenüber Schüler:innen und Gewaltschutz stellt.

Wenn man fragt, warum es an einer Schule mit rund 350 Schüler:innen vier Musiklehrer:innen gibt und kein Geld für Fremdsprachenlehrer:innen, wenn  man wissen will, wie viele Schüler:innen seit 2018 die Schule ohne jeden und nur mit dem Waldorfabschluss verlassen  haben.

Nein, es muss nicht immer eine rechtsextreme Unterwanderung sein, aber es genügt schon die Übernahme durch einen ideologisch ausgerichteten Vorstand und eine in Teilen nicht qualifizierte Geschäftsführung, die nicht für das stehen, was eine moderne zukunftsgerichtete Anthroposophie als alternatives, ganzheitliches Lehr- und Lernangebot bereits heute ausmacht.

Deshalb sollte jeder sich diesen Beitrag im #WDR ansehen und sich fragen, wie er sich – reflektiert – auf das eigene Erleben der Schule in Weimar „anfühlt“.

Lese auch: Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Thüringer Landtag „Zuverlässigkeit des Schulträgers Waldorfpädagogik Weimar e. V.“ vom 12.04.2021

2 Kommentare

  1. Elterninitiative

    Am 16.04.2021 veröffentlichte die Waldorfschule am Elsengrund, von der u. a. im Beitrag des WDR die Rede ist, folgende optimistisch stimmende Mitteilung:

    Presseerklärung vom 16.04.2021

    Die Freie Schule am Elsengrund in Berlin gestaltet sich neu.

    Die Erkenntnisse der vergangenen Monate, wie

    – private Verbindung der Schulleitung zu Holocaustleugnern
    – Unterbindung einer angemessenen Kommunikationsstruktur im Schulalltag
    – fehlende demokratische Strukturen im Schulalltag
    – Selektion von Unterrichtsinhalten durch die Schulleitung
    – Nichteinbeziehung der Eltern in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse
    – Personalunion mit Machtkonzentration in der Schulleitung
    – Entfernung von den antroposophischen Grundwerten
    – zum Teil willkürliche Personalentscheidungen und undurchsichtige Entlohnungsstrukturen

    haben uns veranlasst, etwas Neues unter Einbeziehung von Bewährtem zu schaffen. Unser Fokus war und ist dabei immer das Wohl der Kinder und deren Bildung. Wir werden die Schulorganisation anpassen, Unterrichtsinhalte erweitern, andere Kommunikationswege gehen und Eltern und Schüler stärker in das Schulleben einbinden.

    Um diesen Wandel vollziehen zu können hat auf Anraten der Eltern- und Lehrerschaft die Geschäftsführung – Britta Hackbusch, Andreas Schöpfer und Nancy Liesche – in der Gesellschafterversammlung am 31.03.2021 ihr Amt niedergelegt. Zudem ist Britta Hackbusch als Schulleiterin zurückgetreten.
    Gleichzeitig hat der Träger – Forum Pädagogik am Elsengrund gGmbH – die Verantwortung für die Schule und deren Umgestaltung übernommen und weitere erforderliche Schritte veranlasst. So wurde am 08.04.2021 ein Hausverbot gegen Britta Hackbusch und Andreas Schöpfer für das gesamte Schulgelände in Berlin-Mahlsdorf und die Immobilie der Schule in Grünheide OT Kagel ausgesprochen. Über die weitere Nutzung dieses Hofes wird neu nachgedacht.
    In diesem Zuge wurden erste personelle Veränderungen vollzogen. Neue Geschäftsführerin der Forum Pädagogik am Elsengrund gGmbH ist seit 31.03.2021 Susann Zittlau. Die neue Schulleiterin ist seit 31.03.2021 Tatiana Weber. Zudem haben wir uns für eine externe, professionelle Begleitung der Veränderungsprozesse in Zusammenarbeit mit der zuständigen Schulaufsicht entschieden. Um den Wandel der Schule auch nach außen sichtbar zu machen, werden wir ihr noch im April 2021 einen neuen Namen geben.
    Auf dem Fundament unseres Lehrplans nach Tobias Richter werden wir die Schule wieder als einen Ort des Lernens, (Er-)Lebens, der Vielfalt und Achtsamkeit erstrahlen lassen. Dabei stellen wir den Respekt vor der einzigartigen Individualität einer jeden Schülerin und eines jeden Schülers in den Mittelpunkt und verurteilen jedwede Diskriminierung. Dem Träger, der Lehrerschaft und den Eltern der Schule ist bewusst, dass uns viel Arbeit und noch einige Überraschungen bevorstehen, aber wir sind motiviert und willens, diesen Weg der grundsätzlichen Erneuerung zu gehen, um für die Kinder der Schule wieder einen hochqualitativen und menschlichen Lern- und Lebensraum zu erschaffen und für das Kollegium einen Ort, der es unterstützt, mit Liebe und Freude zu wirken.
    Wir möchten der Schulverwaltung des Senates Berlin für die angebotene Unterstützung und Geduld mit uns danken. Ebenso geht unser Dank an alle Personen, Medien und die Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus Berlin, die geholfen haben, die Missstände aufzudecken. Und wir möchten allen Menschen danken, die dafür sorgen, dass die Kinder gerne in unsere Schule gehen und mit Freude lernen.

  2. Eine Unterzeichnerfamilie

    Liebe Aktive der Waldorf-Elternhilfe,

    als eine Familie, die schon vor Jahren das erlebte, was heute zum Glück
    mittlerweile niemand mehr übersehen kann, und die auch zu den
    Unterzeichner:innen des offenen Briefes 2019 gehört, freuen wir uns
    sehr, dass die so dringend notwendige Diskussion die Schulgebäude an der
    Ilm verlassen konnte und es diese Internetseite gibt. Der insbesondere
    im letzten Jahr eingeschlagene Weg war richtig, weil er unvermeidbar war
    und es keine andere Lösung auch nur für den Ansatz einer Bearbeitung
    dieser Problematik gab.

    Seit mehreren Jahren sind wir nun nicht mehr aktiv an der Schule und
    aufgrund unserer damaligen Erlebnisse auch nicht mehr im Verein, da wir
    keine Möglichkeiten mehr gesehen haben, der Schule helfen zu können.
    Gerade deshalb haben wir aber den offenen Brief mit unterzeichnet und
    versucht, im Rahmen unserer Möglichkeiten den laufenden Prozess zu
    unterstützen. Das wollen wir auch weiterhin und stehen beispielsweise
    gerne auch im persönlichen Gespräch zur Verfügung, unsere Erfahrungen
    weiterzugeben und anderen mit diesen zu helfen. Dies gilt z. B. auch für
    die Frage, was alles bei einem Wechsel von der Waldorfschule notwendig
    und zu erwarten ist.

    Sagt bitte einfach Bescheid, falls wir unterstützen können. Es ist für
    uns sicher auch eine Form der Verarbeitung, wenn wir das, was wir erlebt
    haben, anderen ersparen können.

    Es grüßt herzlich
    Eine Unterzeichnerfamilie des Offenen Briefes vom 12.12.2019

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