Während die staatliche Schulaufsicht und der Vorstand des Bundes Freier Waldorfschulen (BdFWS) an der Schule in Weimar „Besserungen“ nach erfolgten Auflagen sehen, stockt Opfern und Betroffenen erneut der Atem. Nach fast zwei Jahren vergeblicher Versuche, hinsichtlich der von Lehrkräften an Schüler:innen verübten Gewalt sowie Gewaltvorwürfen Aufklärung, Anerkennung, Entschuldigung und Konsequenzen zu erreichen, machen Schulleitung und Teile des Kollegiums weiter wie bisher. Beindruckend wird demonstriert, was man von Kinderschutz hält – nichts.

Ein erneuter Höhepunkt: Trotz eines noch gegen eine Lehrkraft laufenden Ermittlungsverfahrens bei der Staatsanwaltschaft Erfurt (AZ liegt vor) wird diese nun den Eltern der neuen ersten Klasse als Klassenlehrer:in präsentiert.

Das ist nicht der erste Fall: Auch im vergangenen Jahr wurde einer Lehrkraft, gegen die ein Ermittlungsverfahren andauerte, die Verantwortung für die neue erste Klasse übertragen. Der BdFWS schaute ebenso wie das Schulamt wohl nicht genau genug hin? Die meisten der „Neuen“ erfahren nicht, dass wegen Misshandlung von schutzbefohlenen Kindern im Rahmen von Dienst- und Arbeitsverhältnissen nach § 225 Absatz 1 Nr. 4 StGB ermittelt wird, kennen die Dimension des hinter den Misshandlungsvorwürfen stehenden Richtungsstreites nicht, der längst über Weimar hinausgeht. Sie hören allenfalls, die „Vorwürfe“ seien unhaltbar. Es wird verschwiegen, dass in anderen Fällen allein aufgrund der eingetretenen Verjährung zum Teil unstreitige Taten psychischer und physischer Gewalt nicht weiter von den Behörden verfolgt werden konnten. Opfer haben sich zu spät gemeldet, die Aufklärung wurde verschleppt oder es erfolgte allenfalls eine Abmahnung, von der die Schulöffentlichkeit nichts erfahren hat.

Die Schulaufsicht handelte in den vergangenen zwei Jahren trotz eingeleiteter Prüfungen erkennbar nicht. Weder gegenüber den betroffenen Lehrkräften, der Schulleitung und dem Schulträger als Verein wurden Maßnahmen ergriffen. Man lässt einen Verein als Schulträger gewähren, in dem sich durch wirtschaftlich-soziale Abhängigkeiten zwischen Mitgliedern des Lehrerkollegiums, Schulleitung, Vereinsvorstand und Teilen der Elternschaft, ein „autokratisches Herrschaftssystem im Schafspelz“ etablieren konnte. Das Vorgehen ist immer gleich: Opfern und Betroffenen wurde gekündigt, wenn sie sich nicht mit freundlichen Erklärungen, ein paar Gesprächen und einseitig geführten „Schlichtungen“ zufrieden gaben . Ebenso verfährt man mit Unterstützer:innen . Opfer werden in der Schulöffentlichkeit als Unruhestifter:innen ausgegrenzt und am Ende zu Täter:innen gemacht.

Es wurde damit ein System der Angst geschaffen – bei Angestellten um ihren Arbeitsplatz, bei Schüler:innen und Eltern um den Platz an der Schule, denn der Wechsel an andere Schulen – wenn überhaupt möglich – gestaltet sich oft schwierig. Zudem wird von Lehrkräften die Möglichkeit der Schulschließung als Drohkulisse den Schüler:innen und Eltern gegenüber aufgebaut.

All dies geschieht unter dem Deckmantel der zum eigenen Dogma erhobenen „pädagogischen Selbstverwaltung“. Dabei zeigen die im Raum stehenden Gewaltvorwürfe aus der Sicht der AG drastisch, dass und vor allem wo Selbstverwaltung Grenzen haben muss. Aus ihrer Sicht bedarf es transparenter und wirksamer Kontrollmechanismen, die von der staatlichen Schulaufsicht einzufordern sind, und zwar durch Regelungen in der Vereinssatzung.

Warum allerdings die staatliche Schulaufsicht aktuell noch von der Zuverlässigkeit des Schulträgers bzw. der verantwortlichen Organe und einer „positiven Entwicklung“ ausgehen kann, wenn hier weiterhin übergriffige Lehrkräfte tätig sind, erschließt sich nicht. Es ist vor dem Hintergrund eines nicht nur auf dem Papier zu fordernden Gewaltpräventions- und Kinderschutzkonzeptes nicht mehr zu vertreten, wenn bei unbestreitbaren, zum Teil sogar eingestandenen Übergriffen die Übertragung einer Klassenlehrerschaft nicht beanstandet wird. Dabei ist auch die Ermittlungstiefe der Behörden von Bedeutung, denn vielleicht würde man mit dem notwendigen Nachdruck auch zu dem Ergebnis kommen, dass selbst Abmahnungen zu entsprechenden Vorwürfen noch in jüngster Zeit aus den Akten entfernt wurden.  

Vom BdFWS bedarf es jedenfalls aufgrund der seine eigenen Beschlussfassungen zur Schule in Weimar verhöhnenden Besetzungsentscheidung ebenfalls eines klaren Signals. In einem Gespräch von Mitgliedern der AG #Neuanfang.Waldorfschule.Weimar mit dem vom Bund der Freien Waldorfschulen bestellten Schulbegleiter wurde bereits ein wirksames Mittel vorgeschlagen – der sofortige Ausschluss der Schule aus dem Bund bis zur Klärung ihres Verhältnisses zur Gewalt, zu Gewaltprävention und Kinderschutz sowie zu demokratischen Grundanforderungen in der Satzung.

Dies wäre endlich auch ein Signal an Opfer und Betroffene, die in den letzten Jahren nur aufgrund ihrer Kritik an der Schule rausgeworfen wurden oder lieber selbst gingen.