Die Weimarer Waldorfschule ist entstanden, weil es 1990 mutige Menschen und den Willen von Eltern, Lehrer:innen und Unterstützer:innen gab, gemeinsam und frei eine Schule zu gründen und zu gestalten. Dazu wurde ein Verein gegründet, dessen festgeschriebener satzungsmäßiger Zweck auch ist, die Einrichtungen der Schule zu gestalten. Was dies umfasst, scheint 30 Jahre später leider aus dem Blick geraten zu sein.

Wir sehen es als Glück, dass eine Vereinsatzung Mitglieder, die Eltern, Lehrer:innen, Externe sein können, verbindet! Auch wenn der gemeinsame Verein einmal nur als rechtlich notwendiges Vehikel gegründet wurde, ist er heute eine große Chance zu Gemeinsamkeit.

Was jetzt not-wendend ist:

  1. Ein nachhaltiges Gewalt- und Kinderschutzkonzept für unsere Schule, gemeinsam erarbeitet von Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen und die Schaffung einer unabhängigen Vertrauensstelle.
  2. Anerkennung des direkt und indirekt erfahrenen Leids durch physische und psychische Gewalt und Entschuldigung bei den Opfern sowie die umfassende Rehabilitierung der kritischen Eltern, insbesondere durch Rücknahme von Kündigungen, Verleumdungen und Vereinsauschluß.
    Hierbei ist wichtig: diese Entschuldigung ist nur dann wertvoll und wirksam, wenn sie von den Leidtragenden ausdrücklich angenommen werden kann. Verzeihen und/oder Vergessen kann keinesfalls verordnet oder verlangt werden, sondern ist lediglich im individuellen Prozess zwischen Täter:innen und Betroffenen eine Variante des Umgangs.
  3. Transparent und professionell arbeitende Selbstverwaltungsgremien und in der Vereinsstruktur (Satzung) und Schulorganisation (Schulordnung) verankerte und gemeinsam erarbeitete Mitbestimmunsmöglichkeiten für Eltern und Schüler:innen.

Selbstverwaltung der Pädagog:innen ist ein hohes, schätzenswertes Gut und zwar mit dem Ziel, dass Lehrer:innen beste Erziehung abstimmen und selbstbestimmt bei gewahrtem Kindeswohl gestalten können. Aber Selbstverwaltung ist kein Selbstzweck und bedeutet nicht, dass sie völlig ohne das Aussen aus Eltern, Schüler:innen, Verein und Öffentlichkeit geschehen kann. Im Gegenteil, die Selbstverwaltung basiert auf dem tiefen Vertrauen und transparentem Handeln im Auftrag von Eltern und Schüler:innen.

Die Pädagogik, der wir alle vertrauen, hat aus unserer Sicht die Kraft, in Transparenz und in Gemeinsamkeit mit Eltern und Schüler:innen vollzogen zu werden: genau in einem solchen Verhältnis erkennen wir die „freie“ Waldorfschule Weimar.

Gewaltprävention an Waldorfschulen, kein Raum für Missbrauch – helfen Sie mit, Schülerinnen und Schüler vor Gewalt zu schützen

Homepage des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS)

 – so heißt es auf der Webseite des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS), als bundesweitem Dachverband der über 250 Waldorfschulen in Deutschland. Doch vor allem in den Leitungsgremien der Waldorfschule in Weimar ist dieser Appell nicht angekommen. Hier wäre es allerdings nötig, denn mehrere Lehrer:innen haben Schüler:innen über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren physisch und psychisch Gewalt angetan.

Die vergangenen 10 – aber insbesondere die letzten 2 Jahre – haben gezeigt, dass eine Korrektur oder Erneuerung allein von innen heraus offenbar nicht mehr möglich ist. Bereits die kritische Auseinandersetzung wird von den schulführenden Menschen der Freien Waldorfschule Weimar unterdrückt. Der Mitgliederversammlung des Schulträgers Vereinigung Waldorfpädagogik Weimar e. V. wurden und werden unter Verletzung von Mitwirkungsrechten wesentliche Informationen vorenthalten. Das Leid der Opfer wird nicht anerkannt.

Der Anspruch auf Selbstverwaltung darf kein Freibrief für autokratische Willkür im Einzelfall sein oder bei Entscheidungen zur inhaltlichen Ausrichtung und Konfliktbewältigung, insbesondere im Verhältnis von Lehrer:innen und Schüler:innen.

Ziel muss hingegen sein durch Änderung der Satzung und der Gremien eine Selbstverwaltung zu gewährleisten, die die Zuverlässigkeit und Zukunftsfähigkeit des Trägers und seiner Einrichtung – der Freien Waldorfschule Weimar – nicht länger bezweifeln lässt.

Entwicklung bis Dezember 2019

Seit 2010 gab es Versuche eine interne Auseinandersetzung zu bekannt gewordenen Übergriffen anzustoßen: die Elternvertretung sandte ein Schreiben an den Vorstand des Trägervereins, in dem sie über ihre Wahrnehmungen berichtete und um einen diesbezüglichen Austausch bat. Hiernach folgten auf weitere, zunächst „interne“ Hilferufe, Beschwichtigung, Herunterspielen, Wegsehen, Weghören und Schweigen. Fehlende oder verschleppte Aufklärung ließ Betroffene weichen, sie verließen zumeist beschämt und ausgegrenzt die Schule. Eine über Jahre für Veränderungen engagierte Geschäftsführung verließ ebenso wie ein langjähriges Vorstandsmitglied aus der Elternschaft Ende 2019 die Schule bzw. den Vorstand.

Da sich die Eltern der betroffenen Kinder oft nicht trauten, Strafanzeige/Strafantrag zu stellen – so sie denn von den Vorfällen wußten – trat Verjährung bei der strafrechtlichen Verfolgung ein, über die Zeit wurden arbeitsrechtliche Konsequenzen schwierig bis unmöglich. Eine betroffene ehemalige Schüler:in beurteilt es rückblickend so:

Woher sollten wir als Kinder wissen, dass es nicht vertretbar war, wenn die Klasse laut zusammengebrüllt wurde, um für Ordnung und Disziplin zu sorgen und wir uns gegenüber voneinander hinstellen mussten und nicht lachen durften, da sonst mehr Ärger die Folge gewesen wäre. Weggetretene Schulranzen, umgekippte Tische, das Verbot von Schminke, das Verbot die Haare offen zu tragen, Wutausbrüche, denen zwar im nächsten Augenblick Ruhe und ein Lächeln folgten, aber das machte solche Situationen eher noch verwirrender. All dies waren Dinge, von denen ich damals nicht am Abendbrottisch erzählte. Ich sah offenbar keinen Grund dafür. Meine Eltern hatten dem entsprechend auch keinen Grund zur Sorge.

Aus einem Brief einer ehemaligen Schüler:in an die Schulleitung der FWS Weimar, 22. April 2020

Nur in einem Fall musste eine Lehrperson die Schule wegen fortgesetzten Fehlverhaltens verlassen. Daran ist bemerkenswert, dass es gerade diese Lehrperson war, die insbesondere auf die massiven Missstände an der Schule bereits im Jahr 2015 hingewiesen hat. Dabei ging es u. a. um die „ideologische Spaltung“ des Kollegiums und organisatorische Lähmung in den Gremien.
Weitere Täter:innen aus dem Kollegium hingegen verließen die Weimarer Schule stets unbehelligt – nicht im Zusammenhang mit ihren Übergriffen – um an anderen Waldorfschulen oder waldorfnahen Einrichtungen zu arbeiten.

Entwicklung ab Dezember 2019

Erst in den letzten 1 ½ Jahren gab es klassenübergreifend Bewegung. Ehemalige Schüler:innen und Eltern fanden den Weg über Gewalterfahrungen an der Schule und den Umgang damit seitens der Schule zu berichten. Dafür holen sie sich seit März 2019 die Expertise des örtlichen Kinder- und Jugendschutzdienstes Känguru ein. Es entwickelte sich eine bis heute anhaltende Beratung.

Seit Betroffene und Unterstützende sich im Dezember 2019 mit einem Offenen Brief an die Schulöffentlichkeit und die staatliche Schulaufsicht sowie die Schlichtungsstelle des BdFWS wandten, kommt es zu Schutzreflexen für die Täter:innen seitens der schulführenden Menschen. Dort, wo weiter aufbegehrt wurde, ging man dazu über – selbst noch nach einem Offenen Brief von betroffenen ehemaligen Schüler:innen im Juni 2020 – schulöffentlich Opfer und Eltern als unruhestiftende Querulant:innen auf schlimmste Weise zu diffamieren. Wer jetzt noch nicht aufgegeben hatte, wurde unverhohlen dazu aufgefordert, die Schule zu verlassen:

Es ist bedauerlich, dass die beiden Elternsprecherinnen, die bereits in der Vergangenheit durch das gezielte Eskalieren des Konfliktes mit Hilfe der Presse in unserer Schulgemeinschaft Unfrieden gestiftet haben, in der aktuellen Situation erneut die regulären Wege der gewählten Elternsprecher-Innenkonferenz umgehen. Diese lange geschätzten Personen sind in keinster Weise bereit, sich an der Konsensbildung zu beteiligen, sondern umgehen alle mit externer Hilfe und auf Kosten der Schule so mühsam errungenen Erfolge.
Es stellt sich die Frage, warum diese Menschen nicht einfach an eine andere Schule wechseln? Warum Menschen, die nicht mehr an der Schule beteiligt sind, dennoch Mitglieder im Verein bleiben? Warum sie nicht dankbar sind für die guten Abschlüsse ihrer Kinder? Warum Sie rücksichtslos Ihre, unsere, Kraft beanspruchen, um uns alle in ihrem verqueren, negativen, destruktiven, gewalttätigen Kreislauf hineinzuziehen?

Extra-Schulpost der FWS Weimar vom 23.02.2021, unterzeichnet von „Vorstand/Geschäftsführung/Schulleitung“

Allein im Jahr 2019/2020 im Rahmen des Konflikts um die Aufarbeitung der Gewaltvorwürfe haben 21 Kinder die Schule verlassen, 7 von ihnen wurde der Schulvertrag gekündigt, in 14 Fällen verließen Familien von sich aus die Schule – die nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen unter ihnen ohne jeglichen Abschluss. Aufgrund der zu erwartenden finanziellen Belastungen gab es keine auf die Kündigungen bezogenen Rechtsstreitigkeiten. Notwendige Schulwechsel gestalteten sich schwierig bis unmöglich.

Der mit dem Schlichter des BdFWS begonnene interne Verständigungsprozess zwischen Elterninitiative und der sog. Konfliktbearbeitungsgruppe der schulführenden Menschen ab Januar 2020 wurde vom Vorstand nach nur einem Gespräch Anfang Februar mit der Elterninitiative einseitig Mitte März 2020 durch die schulführenden Gremien gegenüber dem Schlichter beendet. Dessen Vorschlag im Benehmen mit dem Dachverband, zunächst eine externe Schulleitung einzusetzen, wurde v. a. von der amtierenden Schulleitung zurückgewiesen. Statt weiterer Gespräche erfolgten Ende April mehrere Schulvertragskündigungen.

Es muss daher angenommen werden, dass die Bemühungen seit Beginn des Schuljahres 2020/21 um die Einrichtung einer Art Schulkonferenz, wie sie an staatlichen Schulen üblich ist, lediglich der schulaufsichtlichen Überprüfung und der öffentlichen Aufmerksamkeit zu verdanken, nicht aber einer aufkeimenden Einsicht geschuldet ist. Dies ist auch deshalb zu vermuten, da zwei Familien, die den Offenen Elternbrief unterzeichnet hatten, infolge ihrer Beharrlichkeit, die Schule zum Dialog zu bewegen, der Schulvertrag der Kinder gekündigt wurde und diese untragbare, auf unwahren Behauptungen basierende Entscheidung, trotz des breit vorgetragenen Verlangens aus der Schulgemeinschaft, bis heute nicht zurückgenommen wurde.

Kinderschutz?

Dies alles hinterlässt Wirkung.
Die vermittelte Botschaft ist, wer sich wehrt, muss gehen.
Aufgrund der Informationshoheit über die vereinsinterne Kommunikations-plattform, die sog. Schulpost, wird nur einseitig informiert. Forderungen an Vorstand und Geschäftsleitung, hier transparent auch andere Meinungen zuzulassen, bleiben unbeantwortet. Vom Elternrat im Januar 2020 extern eingeholter Rat und Handlungsempfehlungen durch die LAG Kinder- und Jugendschutz Thüringen e. V. wurden durch Vorstand und die Verantwortlichen im Kollegium ignoriert.

Maßgeblich lässt sich die immer schwerer aushaltbare Situation an der Weimarer Waldorfschule auch anhand des Konflikts um die Frage des zuletzt auch vom staatlichen Schulamt und ultimativ bis zum 9. April 2021 geforderten Gewalt- und Kinderschutzkonzeptes dokumentieren. Die genutzte Expertise der Bundesvereinigung im anthroposophischen Sozialwesen Anthropoi und die Formulierung eines Gewaltpräventionskonzeptes durch eine Arbeitsgruppe des Kollegiums geht am tatsächlichen Bedarf der Schule vorbei: Das Thema Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen kommt nicht vor. Überdies kennt sich, nach Aussage des Fachstellenleiters der nun zuständigen Fachstelle Mitte von Anthropoi (als Anlaufstelle für die aus zwei Kollegiumsmitgliedern bestehende Vertrauensstelle der Schule) dieser nach eigener Aussage nicht mit dem Beratungsnetzwerk vor Ort in Weimar aus. Über diesen konzeptionellen Missstand kann auch nicht der einmalige (noch dazu fehlerhafte) Hinweis auf externe Weimarer Beratungsstellen im internen Mitteilungsorgan der Schule und das für die „gesamte Freie Waldorfschule Weimar“ ebenda durch die Schulleitung postulierte Bekenntnis zur Gewaltfreiheit hinwegtäuschen.

Dazu Annette Görg vom Kinder- und Jugendschutzdienst Känguru, pro familia in einem Interview auf ZEITonline:

Die Schule muss sich der Vergangenheit stellen, wenn sie nicht will, das sich die Geschichte wiederholt. Ohne eine Aufarbeitung der Geschehnisse der vergangenen Jahre gibt es nur eine geringe Chance für eine gewaltfreie Zukunft. Dafür braucht es unabhängige Fachkräfte von außen, die nicht Gefahr laufen, aus Loyalität mit der Schule und ihrer Weltanschauung die Gewalt zu bagatellisieren und Konsequenzen zu verhindern. Solange sich strukturell an der Schule nichts ändert und es kaum Mitbestimmungsmöglichkeiten für Eltern- und Schülerschaft gibt, keine Schulkonferenz und keine vom Schulbetrieb organisatorisch unabhängige Schulsozialarbeit oder Vertrauensstelle, sind die Kinder nicht ausreichend geschützt.

Interview mit A. Görg auf ZEIT online, 7. Dezember 2020

Mitbestimmung?

An einer initiativ geführten Schule, welche die an staatlichen Schulen üblichen Leitungsebenen, wie bspw. die Schulleitung, wenn überhaupt nur aus formalen oder für die Außenkommunikation notwendigen Gründen besetzt, und zudem noch die beim Trägerverein angestellten Lehrenden Teil des Vereinsvorstandes sind, ist es jeder Lehrperson möglich, durch persönliches Engagement „schulführend“ zu wirken. Dieser Führungsstil birgt viele Möglichkeiten, u. U. auch negative – wie an der Freien Waldorfschule Weimar nun sichtbar wird. In einem schleichenden Prozess haben sich Menschen durch hohe Präsenz und – durchaus auch positives – Engagement der Schule bemächtigt und ein autokratisch-paternalistisches System begründet, in welchem es unmöglich geworden ist, Missstände zu benennen und gleichberechtigt zu diskutieren.

Folgende fehlgeschlagenen Bemühungen in der Vergangenheit verdeutlichen dies: Zur Mitgliederversammlung des Trägervereins im April 2019 wurde erstmals ein Antrag zur Darstellung und Reflexion von Erziehungsmaßnahmen im Unterricht, wie Ängstigung und körperliche Züchtigung eingebracht. Parallel dazu wurden Anträge von weiteren Mitgliedern zur Einführung externen Qualitätsmanagements, zur Einführung von Schulsozialarbeit sowie ein Antrag, den Elternrat angemessen und dauerhaft in die Selbstverwaltungsorgane der Schule einzubinden, eingebracht.
Ein daraufhin erst im September 2019 stattfindendes Treffen zwischen dem Vorstand und zwei der Antragsteller:innen verlief unbefriedigend. Die von den Antragstellerinnen hinzugezogene externe Supervisorin verfasste eine Rückmeldung. Ihr zentraler Hinweis: es geht um

Macht und Machtmissbrauch bei unklar geregelten Machtverhältnissen mit vielen Grauzonen, in denen sich einzelne eingerichtet haben.

Einschätzung der Supervisorin des Gesprächs vom 09.09.2019

Bereits 2018 stieß der Versuch zweier Elternvorstände mittels Antrag auf Satzungsänderung wenigstens den Vorstand des Vereins als Kontrollgremium und das Personalgremium des Kollegiums der Schule als Entscheidungsgremium personell nachhaltig zu entflechten, auf sehr große Widerstände der Lehrer:innen im Vorstand und in den Führungsgremien der Schule. Diesem Druck nachgebend wurde der Antrag von den Antragsteller:innen damals noch auf der betreffenden Mitgliederversammlung selbst in einen Sachantrag umgewandelt, um wenigstens eine Diskussion zu diesem Thema zu ermöglichen. Doch auch diese fand nicht statt; das Kollegium erklärte sich inhaltlich nicht und die Mitgliederversammlung wurde mit dem Verlesen weniger magerer Sätze, die ausschließlich auf formale Aspekte abhoben, abgespeist.

Der offenkundige Demokratiemangel trat aber bereits dort ebenso offen zu Tage wie durch die Unfähigkeit sich mit dem Thema Gewalt von Lehrer:innen gegenüber Schüler:innen angemessen und unter Berücksichtigung des Kindeswohls als einzigem Maßstab unter dem Blickwinkel des anthroposophischen Lehr- und Lernansatzes im 21. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Dazu findet sich im Grußwort einer Vertreter:in der Weimarer Schule auf der Regionalkonferenz der Waldorfschulen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Ende März 2021 die traurige Entsprechung: „Wir wollen keine moderne Schule sein.“

Auch ein aktueller Vorfall verdeutlicht, dass sich am Abwehrverhalten der schulführenden Menschen nichts geändert hat: Eine ad-hoc-Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Trägervereins, die mehr Transparenz und strukturelle Veränderungen fordert, bereitete mehrere Anträge für die Mitgliederversammlung am 24.02.2021 vor.

Neben einer umfassenden Stellungnahme des Vorstandes zu den Gewaltvorkommnissen, die zur schulaufsichtlichen Überprüfung führten und bereits im Sommer 2020 eingefordert worden waren – und damit eine Anerkennung des Leids der Opfer, wie sie auch von Kinder-Opferschutzexpert:innen als wichtigem ersten Schritt erklärt wird – wird von den Antragsteller:innen als unverzichtbar angesehen, dass u. a. eben jene Kündigungen von Schulverträgen, die im o.g. Zusammenhang mit den Gewaltvorwürfen vom Vorstand ausgesprochen wurden, von diesem zurückgenommen werden müssen.
Zudem soll eine Kommission eingesetzt werden, die die Satzung des Trägervereins neu gestaltet, damit Strukturen der Selbstverwaltung und paritätischen Mitbestimmung sowie des Konfliktmanagements in den Gremien der Schulgemeinschaft (Eltern-Schüler:innen-Lehrer:innen) transparent und eindeutig festgelegt werden. Dafür sollte der Vorstand personell verstärkt werden.

Diese Anträge wurden seitens des Vorstandes aus formalen Gründen nicht an die Vereinsmitglieder weitergeleitet. Wohl aber wurde durch die Geschäftsleitung bzw. den Vorstand in die Schulgemeinschaft kommuniziert, dass es Anträge einer „nicht legitimierten“ Gruppe gebe, mit denen man sich – falls dann noch erforderlich – auf der nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung beschäftigen wolle.

Dem Verlangen der Gruppe, eine Mitgliederliste zu erhalten, damit man in Ausübung der Mitgliedschaftsrechte diese Anträge selbst mit den anderen Mitgliedern kommunizieren könne, wurde trotz gerichtlicher Eilentscheidung nicht nachgekommen. Die Vollstreckung wurde zunächst verweigert und letztlich verhindert, indem innerhalb von einem Tag das Mitglied, das den gerichtlichen Beschluss erwirkt hatte, vom Vorstand auf Antrag einer an der Schule mitarbeitenden Mutter ausgeschlossen wurde, ohne das dem Mitglied der Antrag zur Kenntnis gegeben worden wäre.

Dem Gericht wurde noch am selben Tag mitgeteilt, dass bis zur Bestätigung des Ausschlusses durch die Mitgliederversammlung die Mitgliedschaftsrechte vorläufig ruhen und deshalb eine Herausgabe der Mitgliederliste versagt würde. Der eindringliche Appell eines Schulgründungsvaters an den Vorstand – „[…]unterstützen Sie keine Anträge, Mitglieder aus dem Verein auszuschließen, die an einer Reform unserer Schule mitarbeiten wollen.[…]“ – blieb ohne Wirkung. Nur wenig später wurde dieselbe Mitarbeiterin, die den Ausschluss des Mitglieds beantragt hatte, der Schulöffentlichkeit offiziell als Geschäftsführerin vorgestellt.

Auch andere Mitglieder erbaten die Mitgliederliste. Der Anwalt der Schule teilte daraufhin mit, es bestünde die Möglichkeit für die Mitglieder, über die Geschäftsführung des Vereins miteinander zu kommunizieren, daher sei die Herausgabe einer Mitgliederliste nicht nötig.

Ein weiteres Vereinsmitglied nutzte einen internen Email-Verteiler der Elternsprecher:innen der Schule, um potentiell über die Klassenverteiler interessierten Vereinsmitgliedern die Übersendung der Anträge zumindest anbieten zu können, nachdem eine entsprechende Information nicht in der Schulpost veröffentlicht worden war. Dieser Elternsprecherin wurde unverzüglich durch den Vorstand mitgeteilt, dass dies den „Zweck des Vereines missachte“, der dreigliedrigen Basis der Selbstverwaltung widerspreche und in „infamer“ Weise Mitglieder der Schulgemeinschaft schädige. Als unmittelbare Konsequenz wurde die genutzte Verteileradresse der Elternvertreter:innen durch den Vorstand gesperrt.

Mit der vom Vorstand erwähnten „dreigliedrige Basis der Selbstverwaltung“ wird ein viel diskutiertes  und nicht unumstrittenes ordnungspolitisches Konzept, die sog. Soziale Dreigliederung, angesprochen, welches auf Rudolf Steiner zurückgeht. Entscheidend und gefährlich ist jedoch dessen autokratische Fehlentwicklung an der Freien Waldorfschule Weimar, die in der Schulpost vom 31.01.2021 unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird:

Das Herz einer Waldorfschule ist die Selbstverwaltung des Kollegiums, die es zu bewahren und zu schützen gilt, auch wenn wir das an vielerlei Stellen nicht leicht zu verstehen ist. [Fehler im Original]

aus der Schulpost der FWS Weimar, 31. Januar 2021

Die „dreigliedrige Basis der Selbstverwaltung“ der Freien Waldorfschule Weimar verkommt so zu einem demokratiefeindlichen Konstrukt, welches sich des Vereins als bloßer Hülle bedient.

Unabhängig von juristischen Feinheiten lässt sich sagen, dass ein sich selbst verwaltendes, nur vor sich selbst verantwortliches, sich selbst ergänzendes und in den Schulleitungsgremien und im Trägerverein in Summe dominierendes Kollegium von Lehrenden zu einer Herausforderung geworden ist.

Dieses von innen zu verändern wird erheblich dadurch behindert, dass die Schule von einer wie auch immer durch Wahlen oder das Initiativprinzip zu Einfluß gekommenen Gruppe dominiert wird, die ein Erziehungsbild eint, dass für eine moderne Schule in freier Trägerschaft untragbar ist, mitgetragen von Eltern, die

gefangen [sind] in einer Ambivalenz, die verhindert, gegen Missstände vorzugehen. Der Tenor ist häufig: Man vertraut der Schule blind und trägt alles mit. In der Waldorfschule Weimar existiert ein verwickeltes System aus Leitung, Vorstand, Eltern- und Lehrerschaft, häufig werden in Personalunion mehrere Rollen ausgefüllt, viele sind freundschaftlich miteinander verbunden. Das verhindert die Aufdeckung von Missständen und ein professionelles Beschwerdemanagement.

Interview mit A. Görg auf ZEIT online, 7. Dezember 2020